Packen für längerfristige Einsätze
Eine Frage der Resilienz: Packen für längerfristige Einsätze
Resilienz, Vorbereitung und persönliche Durchhaltefähigkeit im Zivilschutz
Wird über Zivilschutz und Großschadenslagen gesprochen, entsteht vor dem inneren Auge schnell ein Bild, das Blaulicht, Sandsäcke, Feldbetten und Chaosphasen beinhaltet. Weniger sichtbar, aber mindestens genauso entscheidend ist die Dimension der Vorbereitung der Einsatzkräfte. Neben grundständig psychischer und körperlicher Belastbarkeit der eingesetzten Helfer zeichnen sich angesichts veränderter Bedingungen in längerfristigen Einsätzen neue Denkkategorien ab: Welche Ausrüstung brauchen Einsatzkräfte bei sich, um Einsatzszenarien nicht nur einige Stunden lang, sondern möglicherweise über Tage oder sogar Wochen gewachsen zu sein?
Gerade bei Einsatzkräften im Rettungsdienst und Feuerwehren umfasst die Dauer eines Einsatzes oft ein überschaubares Zeitfenster in einer einstelligen Stundenanzahl. Wächst ein Einsatz an, können Versorgungseinheiten wie die SEG-V des Katastrophenschutzes, die Log-V des Technischen Hilfswerks oder eine Feuerwehr-VPE mit- oder nachalarmiert werden. Einsatzkräfte, die keine besonderen Anforderungen an ihre eigene medizinische Versorgung oder Ernährung haben, können ohne viel Vorbereitung in den Einsatz gehen.
Wer auf dauerhafte Medikation angewiesen ist oder Allergien und Unverträglichkeiten hat, kann sich gezielt vorbereiten. Schichtablösungen und Übergaben ermöglichen es, nach Hause zu gehen, sich auszuruhen und wieder frisch in den Einsatz zu gehen.
Dies funktioniert für gewöhnliche Einsatzlagen gut und man ist für viele anwachsende Einsatzszenarien vorbereitet und wird trainiert – doch andauernde Einsatzlagen, die erschwerende Variablen wie überregionale Verwendung, (feldmäßige) Unterbringung über Tage oder schlichtweg gestörte infrastrukturelle Bedingungen beinhalten, erfordern die durchdachte Vorbereitung der einzelnen Einsatzkraft. Entscheidend wird die Fähigkeit, über Stunden oder Tage hinweg flexibel, belastbar und funktionsfähig zu bleiben und individuell notwendige Ausrüstung mitzuführen, die eine möglichst hohe Motivationslage und wenig empfundenen Mangel (an Ressourcen, sozialer Interaktion mit den Angehörigen, Material, Nahrung, etc.) sicherstellen.
In Großschadenslagen, längerfristigen Einsätzen und Zivilschutzlagen wird die eigene Ausrüstung zum Resilienzfaktor.
Was ist Resilienz und wie wirkt sich die eigene Ausrüstung darauf aus?
Die Psychologinnen und Psychologen Luthar, Cicchetti und Becker definieren Resilienz als einen „dynamischen Prozess positiver Anpassung innerhalb eines Kontextes signifikanter Belastung“ (Luthar et al., 2000).
Resilienz als seelische Fähigkeit zu beschreiben ist für Einsatzkräfte insbesondere dann unzureichend, wenn ihr Training die Vorbereitung von Naturkatastrophen, Zivilschutzszenarien und überregionale Tätigkeit mit verlängerter Einsatzdauer umfasst. Grundsätzlich gilt: Resilienz ist keine feste Persönlichkeitseigenschaft und kein angeborenes Talent. Sie umfasst nicht nur das Erleben einer Belastungssituation, sondern auch die Erholung hiervon. Übersteigt eine Situation die Fähigkeit der Einsatzkraft, diese zu bewältigen, spricht man von einer Krise. Für viele Einsatzkräfte wird es Teil ihrer Tätigkeit, in die Krisen anderer Menschen einbezogen zu sein und diese (je nach Dislozierung und Tätigkeit) abzuarbeiten.
Resilienz, insbesondere um erlebte Belastungen von kategorisch schwierigen Settings langfristig gut einsortieren zu können, wird in diesen Fällen zum A und O der langfristigen Einsatzfähigkeit.
Resilienz setzt sich aus unterschiedlichen Faktoren zusammen:
-persönlichen Ressourcen (z. B. Copingstrategien, Selbstwert, Erfahrung),
-sozialen Ressourcen (z. B. Kameradschaft, Familie, Unterstützung),
-strukturellen Bedingungen (z. B. Ausrüstung, Schlafmöglichkeiten, Versorgung).
Für Einsatzkräfte bedeutet das: Resilienz entsteht nicht nur „im Kopf“ und kann auch nicht im Rahmen einer kurzfristig gebildeten Awareness-Maßnahme erreicht werden.
Resiliente Einsatzkräfte sind auf gute Vorbereitung aller Beteiligten und vor allem von sich selbst angewiesen. Die Rolle der Führungspersonen ist dabei nicht zu unterschätzen, denn Führungspersonen strukturieren Aufgaben, delegieren, sind Ansprechpartner und geben den Weg durch die Einsätze vor. Damit bedingen ihre Entscheidungen maßgeblich die Realität der Einsatzkräfte.
Zu guter Vorbereitung gehören unter anderem gründliche Ausbildung, aktiv gelebte Psychohygiene und eigenverantwortliche Pflege eines Lebensstils, der eine stabile und flexible Psyche begünstigt. Weiter gedacht gehört dazu auch die Inbezugnahme der Angehörigen als soziale Ressource für die Einsatzkraft. Dies wird umso wichtiger, wenn sich abzeichnet, dass die eigene Verwendung in einer Hilfsorganisation perspektivisch den Einsatz unter strukturell erschwerten, unklaren und dynamischen Bedingungen wie Zivilschutz-Szenarien, hybriden Bedrohungen, lebensbedrohlichen Einsatzlagen, etc. umfasst.
Vorbereitung als Schutzfaktor
Ein zentraler Gedanke der Resilienzforschung lautet: Stress verschwindet nicht einfach – er wird abgebaut (Hurrelmann, 2020). Damit dieser Abbau möglich ist und damit Einsatzkräfte im Sinne der Salutogenese in ihren Ruhephasen nachhaltig Stress abbauen können, braucht das menschliche Nervensystem grundsätzlich erfüllte Grundbedürfnisse. Dazu gehören Voraussetzungen, wie:
-Schlaf
-Ernährung
-Flüssigkeitszufuhr
-Hygiene
-Möglichst resonante soziale Verbindung
-Rückzugsmöglichkeiten
-klare Routinen
-existenzielle Absicherung
Genau hier schlägt sich der Bogen zur praktischen Einsatzvorbereitung.
Wer bei einem längerfristigen Einsatz mit schwierigen Witterungsbedingungen keine Wechselkleidung mitführt, notwendige Medikamente vergessen hat oder über keine Möglichkeit verfügt, das Mobiltelefon zu laden und sich deshalb um die Familie sorgt, verliert schneller an Konzentrations- und Leistungsfähigkeit. So kann ein psychologischer Belastungsfaktor entstehen, der nicht nur Fehler begünstig, sondern sich zum Risikofaktor wandeln kann, wenn das kurzfristige Adrenalin absackt und das Abrücken von der Einsatzstelle noch lange nicht in Sicht ist.
Vorbereitung ist deshalb weit mehr als reine Logistik: sie ist ein aktiver Beitrag zur eigenen Resilienz und zur Resilienz des ganzen Teams, das sich auf die Durchhaltefähigkeit seiner Teammitglieder verlassen muss.
Packen als angewandte Resilienz
Auf den ersten Blick wirkt das Thema Packen wie eine überwiegend technische Frage. Strukturelle Bedingungen im Einsatz stärken oder schwächen die Resilienz der Einsatzkräfte, je länger ein Einsatz andauert. In unkontrollierbaren und wechselnden Einsatzanforderungen kann das Vorhalten eigener notwendiger Ausrüstung zum zusätzlichen Sicherheitsfaktor werden.
Wer die eigene Ausrüstung systematisch vorbereitet, reduziert:
-Unsicherheit
-Suchaufwand
-Abhängigkeit von infrastrukturellen Gegebenheiten oder anderen Helfern
-Kontrollverlust
Gleichzeitig erhöht sich das subjektive Sicherheitsgefühl und die momentan empfundene Autarkie. Das Gehirn erhält die Botschaft:
„Ich habe mich aktiv vorbereitet. Ich habe, was ich brauche und ich komme klar, selbst wenn gar nichts mehr funktioniert.“
Diese Wahrnehmung stärkt die eigene Selbstwirksamkeit – das Gefühl, eine Situation gut bewältigen zu können. Dies ist einer der wichtigsten Schutzfaktoren psychischer Resilienz. Modulares Packen ist damit keine Frage von Outdoor-Romantik oder Prepper-Kultur, sondern ein konkretes Werkzeug, um Belastbarkeit und Einsatzfähigkeit zu möglichst lange aufrecht zu erhalten.
Teil Zwei dieser Blogartikel-Serie setzt sich mit Packsystemen und -logiken auseinander, die beispielsweise bei den Streitkräften, Auslandseinheiten der Hilfsorganisationen und im Bereich Prepping und Bush Crafting Gang und Gebe sind.
Teil Drei widmet sich der Konzeption eines modularen Packsystems für Einsatzkräfte, das nachvollziehbar anpassbar bleibt und sich leicht umsetzen und fortführen lässt – je nach eigenen Voraussetzungen und Verwendungen im Zivil- und Katastrophenschutz.
Quellen
-Luthar, S. S., Cicchetti, D., & Becker, B. (2000). The construct of resilience: A critical evaluation and guidelines for future work. Child Development, 71(3), 543–562.
-Hurrelmann, K. (2020). Gesundheitssoziologie: Eine Einführung in sozialwissenschaftliche Theorien von Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung (9. Aufl.). Beltz Juventa.
-Rutter, M. (2012). Resilience as a dynamic concept. Development and Psychopathology, 24(2), 335–344.
