Packen für längerfristige Einsätze – T2
Packsysteme für Einsatzkräfte – von Line 1 bis INCH-Bag
Bei diesem Artikel handelt es sich um Teil 2 einer Reihe zum Thema längerfristige Einsätze und Packen.
Im ersten Teil wurde bereits dargelegt, dass die Ausrüstung, die Einsatzkräfte während ihrer Einsätze mitführen, einen Resilienzfaktor darstellt, der mit zunehmendem Aufwuchs, steigender Einsatzdauer und wachsender Dynamik immer wichtiger wird und maßgeblich zur Durchhaltefähigkeit beitragen kann. Die Frage, ob Einsatzkräfte ihre persönliche Ausrüstung vorbereiten sollten, stellt sich dementsprechend deutlich weniger als die Fragen, wann und was sie packen sollen (oder können).
Teil 2 dieser Reihe beschreibt daher unterschiedliche Packlogiken und Packsysteme, die auch für zivile Einsatzkräfte des Zivil- und Katastrophenschutzes relevant sein können. Dabei wird erläutert, wo diese Systeme Anwendung finden und nach welchen Grundprinzipien sie aufgebaut sind. Gleichzeitig soll verdeutlicht werden, dass mitgeführte Ausrüstung nur dann einen Mehrwert bietet, wenn sie verstanden, beherrscht und im Einsatz sinnvoll genutzt werden kann.
1. „No glory in prevention“ oder: Warum wir uns oft nicht ausreichend vorbereiten
Einmal vermittelt und praktisch geübt, dürfte den meisten Menschen bewusst sein, dass eine durchdachte Vorbereitung und Planung in den unterschiedlichsten Lebenslagen effizient, nachhaltig und grundsätzlich erstrebenswert sind.
In einer aktuellen Studie zum Thema Gedächtnislücken (Haas et al., 2026) wird deutlich, dass nur ein geringer Teil alltäglicher Handlungen deshalb nicht ausgeführt wird, weil sie schlichtweg vergessen werden. Der überwiegende Teil ausbleibender Handlungen lässt sich laut der Studie vielmehr auf motivationale Gründe (je komplexer oder schwieriger eine Aufgabe erscheint, desto geringer kann die Motivation sein, sie zu erledigen) sowie auf strukturelle oder externe Faktoren wie Zeitmangel oder fehlenden Platz zurückführen. Je komplexer eine Aufgabe und je geringer das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten oder den Sinn der Aufgabe, so Haas et al. (2026), desto eher wird eine Handlung nicht ausgeführt.
Auf zivile Einsatzkräfte angewandt, lässt sich hier eine ähnliche Tendenz vermuten. Viele hauptamtliche Einsatzkräfte arbeiten im Schichtbetrieb, während ehrenamtliche Einsatzkräfte ihre Dienste und Einsätze zusätzlich zu ihrem Beruf leisten und den Hilfsorganisationen nur einen begrenzten Teil ihrer Freizeit zur Verfügung stellen können. Beide Gruppen arbeiten per se unter engen zeitlichen Rahmenbedingungen, Leistungsdruck und psychischer Anspannung, sobald sie alarmiert werden. Die Zeit zwischen den Diensten gezielt für die Vorbereitung auf eine Lage zu nutzen, die wir als Einsatzkräfte im Idealfall niemals bewältigen müssen, wirkt daher schnell unangenehm.
Dies gilt umso mehr, wenn erstens das Thema privat beschaffter Ausrüstung aufkommt und es notwendig wird, in die eigene Tasche zu greifen, um sich auf Ereignisse vorzubereiten, die möglicherweise niemals eintreten. Verstärkt wird dieser Effekt möglicherweise zweitens dann, wenn Großschadenslagen oder längerfristige Einsätze nicht zum Kerngeschäft der jeweiligen Hilfsorganisation gehören. In diesen Fällen lässt sich der reguläre Einsatzalltag meist auch ohne zusätzliche persönliche Ausrüstung bewältigen. Die Fähigkeit, für längerfristige Einsätze zu packen, wird daher häufig nicht geschult – schlichtweg, weil sie im Alltag bislang nicht benötigt wurde.
Indem er unterschiedliche Packsysteme vorstellt, soll dieser Blogartikel interessierten Einsatzkräften ermöglichen, die grundlegenden Kriterien und Überlegungen zu verstehen, nach denen verschiedene Gruppen ihre Ausrüstung strukturieren und kategorisieren.
2. Packsysteme
Im Folgenden werden unterschiedliche Packsysteme vorgestellt.
Wichtig:
Es geht hierbei ausdrücklich nicht darum, unterschiedliche Personengruppen zu bewerten oder deren Ausrüstung hinsichtlich ihrer Relevanz für verschiedene Einsatzkräfte des Zivil- und Katastrophenschutzes nach Sinnhaftigkeit, Praktikabilität oder anderen Kriterien einzuordnen. Unterschiedliche Organisationen, Fachgruppen und Funktionen bringen unterschiedliche Anforderungen mit sich. Dass es hierfür bislang keine universelle Lösung „von der Stange“ gibt, gilt als gesetzt.
Vielmehr soll ein Verständnis dafür geschaffen werden, nach welchen Kriterien verschiedene Gruppen ihre Ausrüstung strukturieren und organisieren. Ziel ist es, interessierten Einsatzkräften einen thematischen Einstieg zu ermöglichen oder den eigenen Wissensstand kritisch zu reflektieren.
2.1 Medizinisches Notfallset / Notfallrucksack
Auch wenn medizinische Notfallrucksäcke überwiegend als Arbeitsmittel genutzt werden, gibt es insbesondere unter medizinisch ausgebildeten Einsatzkräften zahlreiche Personen, die auch privat einen erweiterten Erste-Hilfe-Koffer, eine Notfalltasche, ein IFAK (Individual First Aid Kit) oder vergleichbare Ausrüstung im Fahrzeug bzw. an der Person mitführen. Welche Ausstattung hierbei sinnvoll ist, unterscheidet sich je nach medizinischer Qualifikation und Einsatzspektrum. Grundsätzlich fällt jedoch auch diese Form der Vorbereitung unter die persönliche Krisenvorsorge.
Packlogiken können unterschiedliche Kriterien verfolgen und sich beispielsweise mithilfe transparenter Modultaschen an Schemata wie dem xABCDE-Algorithmus oder an Kategorien wie „steril“, „nicht steril“, „blutende Wunde“ oder „Kreislauf“ orientieren.
Entscheidend ist dabei weniger, wie die Einteilung erfolgt, sondern dass sie für den Nutzer nachvollziehbar ist und ihn bei seiner Arbeit unterstützt, anstatt ihn zu verlangsamen oder zu behindern. Am Bayerischen Zentrum für besondere Einsatzlagen sind die Teilnehmerrucksäcke beispielsweise nach den Kategorien des xABCDE-Schemas in transparente Modultaschen mit Inhaltsübersicht verpackt. Dadurch werden sowohl die Übersichtlichkeit als auch die Handlungsfähigkeit im Einsatz verbessert.
Grundsätzlich gilt hier dieselbe Logik wie im rettungsdienstlichen Alltag: Setze dich mit deinem Material auseinander, beherrsche es und führe nur das mit, was du tatsächlich anwenden kannst – und anwenden darfst. Ohne zu wissen, wann und wie Atemwege gesichert werden, ist das Mitführen eines Tubus schlichtweg nicht sinnvoll. Ebenso ist das Mitführen von Sauerstoff im privaten PKW in den meisten Fällen weder praktikabel noch erforderlich. Die persönliche Ausrüstung sollte sich daher immer am eigenen Kenntnisstand, den rechtlichen Rahmenbedingungen und dem realistischen Einsatzspektrum orientieren. Zum professionellen Standard gehört außerdem, jederzeit zu wissen, in welcher Tasche sich welches Material befindet – und nicht erst mitten in einem Notfall festzustellen, dass benötigte Ausrüstung bereits vor Wochen verbraucht wurde.
Damit folgt auch der medizinische Notfallrucksack letztlich derselben Grundlogik wie alle nachfolgend vorgestellten Packsysteme: Ausrüstung entfaltet ihren Nutzen erst dann, wenn sie strukturiert, beherrscht und im Einsatz sicher eingesetzt werden kann, denn nicht das Material macht den Unterschied, sondern die Fähigkeit, es einzusetzen.
2.2 Lines of Gear – Ausrüstung in Schichten
Die zuvor beschriebene Einteilung medizinischer Ausrüstung verdeutlicht bereits ein Grundprinzip, das sich auch in vielen anderen Packsystemen wiederfindet: Ausrüstung wird nicht zufällig zusammengestellt, sondern nach Funktion, Verfügbarkeit und Einsatzzweck strukturiert. Im militärischen Bereich findet sich diese Denkweise in einer besonders klaren Form im sogenannten „Lines-of-Gear“-System.
Dort ist das Prinzip der Lines of Gear weit verbreitet, dessen grundlegende Einteilungslogik im Folgenden erläutert werden soll. Im Mittelpunkt dieser Systematik steht die Frage, welche Ausrüstung zur Erfüllung eines konkreten Einsatzauftrages tatsächlich erforderlich ist. Ziel ist es, Ausrüstung nicht nach Gegenständen, sondern nach ihrer Funktion sowie ihrer Verfügbarkeit im Einsatz zu organisieren.
Grundsätzlich wird die Ausrüstung hierzu in unterschiedliche Schichten („Lines“) eingeteilt, deren Zuordnung sich unter anderem nach Notwendigkeit und unmittelbarer Verfügbarkeit richtet (Weisswange, 2026). Beschrieben wird dieses Packsystem unter anderem in einem offiziellen Dokument des Department of the Air Force (2005).
2.2.1 Line 1
Kapitel 13.4.8 des SERE Instruction Manual beschreibt die grundlegenden Anforderungen an die Ausrüstung der Line 1 wie folgt:
„The first line of equipment and clothing is the basic necessities for personal defense, survival, evasion and escape.“ (Department of the Air Force, 2005, S. 139)
Dombrowski (2024) ergänzt dieses Grundprinzip um die notwendige Anpassung an unterschiedliche Klimazonen und Sicherheitslagen.
Zusammengefasst umfasst die Line 1 die minimale Ausrüstung, die erforderlich ist, um das jeweilige Einsatzszenario überleben zu können. Sie wird unmittelbar am Körper getragen und soll grundsätzlich nicht abgelegt werden. Hierzu zählen beispielsweise vorgeschriebene persönliche Schutzausrüstung, Navigations- und Orientierungsmittel, Ausrüstung zur Wasseraufbereitung, Möglichkeiten zum Feuermachen sowie ein kleines IFAK für den Eigengebrauch. Dombrowski (2024) beschreibt diese Ausstattung im Kontext von Krisengebieten treffend als das persönliche „Handgepäck“ einer Einsatzkraft (S. 53).
2.2.2 Line 2
Auch die Line 2 wird weniger über ihr Packmaß oder einen bestimmten Ausrüstungsgegenstand – etwa einen klassischen Einsatzrucksack – definiert als vielmehr über ihren Zweck innerhalb der Auftragserfüllung.
Die im militärischen Bereich vorgesehenen Waffen und sonstigen kampfbezogenen Ausrüstungsgegenstände werden an dieser Stelle bewusst ausgeklammert, da sie für zivile Einsatzkräfte keine Relevanz besitzen.
Im Unterschied zur Line 1 kann die Ausrüstung der Line 2 kurzfristig abgelegt werden, ohne dass dadurch die unmittelbare Auftragserfüllung gefährdet wird. Sie erweitert die Grundausstattung der Line 1 beispielsweise um Kommunikationsmittel wie Funkgeräte oder Mobiltelefone, Nässeschutz, zusätzliche Verpflegung sowie Hygieneartikel (Weisswange, 2026). Dombrowski (2024) beschreibt die Line 2 im Kontext von Krisengebieten als Erweiterung der persönlichen Ausrüstung auf eine Eigenversorgungsfähigkeit von etwa 48 bis 72 Stunden.
Dieses Prinzip lässt sich auch auf Einsatzkräfte der BOS gut übertragen. Sowohl Line 1 als auch Line 2 können vergleichsweise einfach vorbereitet und bereits im regulären Einsatzdienst sinnvoll umgesetzt werden.
2.2.3 Line 3
Für zivile Einsatzkräfte gewinnt insbesondere die Line 3 bei längerfristigen Einsätzen und anhaltenden Schadenslagen an Bedeutung. Im Mittelpunkt steht hier nicht mehr das unmittelbare Überleben, sondern die Aufrechterhaltung der Einsatzfähigkeit über einen längeren Zeitraum.
Das Department of the Air Force beschreibt diesen Ansatz folgendermaßen:
„The load is designed to provide the minimum necessities for living in the field and is normally carried in the rucksack. Only those items essential to mission accomplishment are carried. Excess weight induces fatigue and subsequent decreased combat efficiency.“ (Department of the Air Force, 2005, S. 139)
Nach Dombrowski (2024) umfasst die Line 3 sämtliche Ausrüstung, die für den gesamten Aufenthalt erforderlich ist. Welche Gegenstände hierzu zählen, hängt maßgeblich vom Auftrag sowie vom erforderlichen Grad der Eigenbeweglichkeit während des Einsatzes ab.
Für zivile Einsatzkräfte können hierzu – abhängig von Einsatzauftrag, entsendender Organisation und Lagebild – beispielsweise Schlafsack, Zelt, Wechselbekleidung, technische Ausrüstung, Stromversorgung oder weitere Ausrüstungsgegenstände gehören, die eine längerfristige Einsatzfähigkeit unterstützen.
Betrachtet man die drei Linien gemeinsam, fällt auf, dass sie weniger einzelne Ausrüstungsgegenstände als vielmehr unterschiedliche Ebenen der Einsatzfähigkeit beschreiben. Während Line 1 das unmittelbare Überleben und die Handlungsfähigkeit der einzelnen Einsatzkraft sicherstellt, erweitert Line 2 diese Fähigkeit um eine kurzfristige Eigenversorgung. Line 3 ergänzt schließlich diejenigen Ausrüstungsgegenstände, die erforderlich sind, um auch bei länger andauernden Einsätzen leistungsfähig zu bleiben. Genau diese funktionale Denkweise findet sich – wenn auch unter anderen Begrifflichkeiten – auch in den Konzepten der zivilen Krisenvorsorge sowie der Prepper- und Bushcraft-Szene wieder.
2.3 EDC, BOB und INCH-Bag – Konzepte der zivilen Krisenvorsorge
Anders als das militärisch klar strukturierte Liniensystem handelt es sich bei den nachfolgend beschriebenen Konzepten um informelle Ansätze, die vor allem in der zivilen Krisenvorsorge, der Prepper-Szene und im Bushcrafting verbreitet sind. Entsprechend ist die empirische Literatur hierzu deutlich begrenzter als im militärischen Kontext.
Dennoch finden sich die zugrunde liegenden Gedanken auch in den Empfehlungen des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe wieder – beispielsweise in Form von Notgepäck oder persönlicher Krisenvorsorge. Die nachfolgende Betrachtung soll daher weniger eine neue Packliste vermitteln als vielmehr eine zusätzliche Perspektive darauf eröffnen, wie persönliche Ausrüstung organisiert und strukturiert werden kann.
2.3.1 Everyday Carry (EDC)
Das Everyday Carry (EDC) umfasst die persönliche Grundausstattung, die unabhängig von einer konkreten Lage oder – im Kontext der BOS – unabhängig von einer Alarmierung täglich an der Person mitgeführt wird.
Zum alltäglichen EDC gehören beispielsweise Hausschlüssel, Mobiltelefon, Portemonnaie, Ausweisdokumente, Krankenversichertenkarte, Bankkarte, Bargeld oder gegebenenfalls eine Powerbank.
Im Bereich Prepping und Bushcrafting wird diese Grundausstattung häufig um weitere kleine Ausrüstungsgegenstände wie Taschenlampe, Multitool, ein kompaktes Erste-Hilfe-Set oder ein kleines Nähset ergänzt. Ziel ist es, auch bei kleineren unerwarteten Ereignissen flexibel und handlungsfähig zu bleiben – unabhängig davon, ob diese im Alltag oder im Rahmen einer Krisensituation auftreten.
Welche Gegenstände tatsächlich zum persönlichen EDC gehören, hängt von zahlreichen individuellen Faktoren ab. Gerade für Einsatzkräfte erscheint diese Denkweise jedoch gut übertragbar, da insbesondere ehrenamtliche Einsatzkräfte den überwiegenden Teil ihres Alltags außerhalb der BOS-Strukturen verbringen und ihre persönliche Grundausstattung bereits vor einer Alarmierung verfügbar sein muss.
2.3.2 Bug Out Bag (BOB)
Der Bug Out Bag (BOB) beschreibt einen vorbereiteten Notfallrucksack mit dem Schwerpunkt auf einer zeitlich begrenzten Eigenversorgung. Inhaltlich entspricht dieses Konzept am ehesten dem vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfohlenen Notgepäck (BBK, 2025, S. 26).
Der eigentliche Fluchtgedanke des Bug Out Bag lässt sich zwar nicht unmittelbar auf Einsatzkräfte übertragen, da diese sich nach einer Alarmierung in der Regel auf eine Schadenslage zubewegen, anstatt sie zu verlassen. Dennoch lassen sich aus dem Konzept wertvolle Anregungen für einen vorbereiteten Einsatzrucksack ableiten, der Einsatzkräfte über einen Zeitraum von bis zu etwa 72 Stunden dabei unterstützt, handlungsfähig zu bleiben. Insbesondere bei anwachsenden Lagen oder unvorhergesehen langen Einsatzdauern kann eine vorbereitete persönliche Ausrüstung sowohl die körperliche als auch die psychische Belastbarkeit positiv beeinflussen.
Auch für Angehörige von Einsatzkräften besitzt das BOB-Konzept einen gewissen Mehrwert. Eine vorbereitete häusliche Krisenvorsorge kann dazu beitragen, Sorgen um das unmittelbare familiäre Umfeld zu reduzieren und dadurch indirekt auch die psychische Resilienz der eingesetzten Kräfte zu stärken.
2.3.3 I’m Never Coming Home (INCH-Bag)
Im Mittelpunkt des INCH-Bag-Konzepts steht die langfristige Vorbereitung auf außergewöhnliche Krisenszenarien, bei denen eine Rückkehr an den ursprünglichen Wohnort ungewiss oder dauerhaft ausgeschlossen erscheint.
Im Gegensatz zum Bug Out Bag existiert hierfür in der staatlichen Krisenvorsorge kein unmittelbares Pendant. Entsprechend liegt der Schwerpunkt weniger auf einer kurzfristigen Eigenversorgung als vielmehr auf der Fähigkeit, über einen längeren Zeitraum möglichst unabhängig agieren zu können. Häufig gehören hierzu Werkzeuge, Reparaturmaterialien, umfangreichere Möglichkeiten der Wasseraufbereitung oder weitere Ausrüstungsgegenstände, die eine langfristige Autarkie unterstützen sollen.
Für zivile Einsatzkräfte erscheint dieses Konzept jedoch nur eingeschränkt übertragbar. Für den BOS-Bereich bietet das zuvor beschriebene Prinzip der Line 3 in der Regel den praxisnäheren Bezugsrahmen.
Auffällig ist, dass sich aus der theoretischen Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Packsystemen keine universell gültige Packliste für Einsatzkräfte ableiten lässt. Die Anforderungen unterscheiden sich je nach Organisation, Fachgruppe, Funktion und Einsatzauftrag teilweise erheblich. Hinzu kommen klimatische, geografische oder infrastrukturelle Besonderheiten, die den konkreten Ausrüstungsbedarf zusätzlich beeinflussen können.
Packlisten aus dem Internet sollten daher niemals unreflektiert übernommen, sondern stets kritisch auf ihre Übertragbarkeit in die eigene Einsatzrealität überprüft werden. Ein universelles Packkonzept für „den Katastrophenschutz“ kann es nicht geben, da es keinen universellen Einsatzauftrag und nicht „den Katastrophenschutz“ gibt.
Vielleicht liegt genau hierin die wichtigste Erkenntnis aller vorgestellten Konzepte: Nicht die konkrete Packliste entscheidet über die Einsatzfähigkeit, sondern das zugrunde liegende System. Ob medizinischer Notfallrucksack, militärisches Liniensystem oder zivile Krisenvorsorge – alle verfolgen letztlich dasselbe Ziel: Die richtige Ausrüstung muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort verfügbar sein. Welche Ausrüstung dies im Einzelfall ist, entscheidet jedoch immer der konkrete Auftrag.
Teil drei dieser Artikelserie wird sich einer funktionsbasierten Packlogik für Einsatzkräfte annähern und dabei versuchen, unterschiedliche Szenarien und Einsatzparameter zu berücksichtigen.
Quellen:
Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. (2025). Vorsorgen für Krisen und Katastrophen (Version 44). Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. https://www.bbk.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Mediathek/Publikationen/Buergerinformationen/Ratgeber/BBK-Vorsorgen-fuer-Krisen-und-Katastrophen.pdf
Department of the Air Force (2005). Air Force Instruction (AFI) 16-1202: Survival, evasion, resistance and escape (SERE) program. US Department of the Air Force. https://webapp1.dlib.indiana.edu/virtual_disc_library/index.cgi/821003/FID3696/pubs/af/16/afi16-1202/afi16-1202-pdf
Dombrowski, C. (2024.) In Gefahr – Sicher Reisen durch Krisengebiete. Spartanat Black Book.
Haas, M., Hering, A., Scarampi, C. et al. Why do we forget?—A mixed-method investigation of reasons for everyday prospective memory failures. Cogn. Research (2026). https://doi.org/10.1186/s41235-026-00737-7
Stewart, C. (2012). Build the perfect bug out bag: Your 72-hour disaster survival kit. Betterway Home
Weisswange, J.-P. (2026, 19. Januar). Schichtsystem: „Lines of Gear“ der persönlichen Ausstattung. Soldat & Technik. https://soldat-und-technik.de/2026/01/sut-plus/46975/schichtsystem-of-gear
